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Sein und Werden

Manche behaupten der spirituelle Weg sei lang, hart und steinig, andere sagen er sei einfach, leicht und wonnevoll. Es gibt Meister die Sagen, dass man letztlich nichts “machen” muss um die Selbstverwirklichung zu erreichen, und andere legen Wert auf die Tatsache das man nur durch einen sehr starken Willen das höchste Ziel erreichen kann. Und so gibt es sehr unterschiedliche Aussagen darüber, wie wir uns vom falschen Denken lösen, und für das Göttliche in uns öffnen können. Es gilt mit gesunden Menschenverstand und offenen Geist abzuwägen, welcher Weg der passende ist- oder zu sein scheint.  Jeder Mensch hat seine eigenen Erfahrungen, Bedürfnisse und Vorstellungen, und daraus resultierende Aufgaben die es auf dem Weg zu lösen gilt. Man sagt “der Weg ist das Ziel”, und das macht auch Sinn, aber der Geist ist selten wirklich auf dem Weg, sondern meist mit dem Ziel beschäftigt. Die Frage, die sich also jedem spirituell Suchenden stellt ist:

wie können wir das Ziel erreichen und wie können wir ganz und gar auf den Weg kommen?

Krishna gibt uns in der Bhagavad Gita im Vers VI.35 die Lösung in sehr knapper Form. Undzwar wird er von seinem Schüler Arjuna danach gefragt wie man den Menschlichen Geist beherrschen kann. Und er sagt zunächst, dass es etwa so schwierig ist wie “den Wind mit den Händen aufzuhalten”. Aber es gäbe ein Mittel um den Geist zur Ruhe zu bringen. Nämlich durch Abhyasa und Vairagya. Übrigens gibt es das selbe Modell auch in Patanjalis Rajayoga Sutras Kap.1.12.
Abhyasa bedeutet: Anstrengung, Übung, Beharrlichkeit, Zielstrebigkeit; Vairagya bedeutet: Losgelöstheit, Entsagung, Nicht-Identifikation, Leidenschaftslosigkeit. Und so sind dies 2 Pole, die es in das Leben zu integrieren gilt.

Auf der einen Seite müssen wir Streben, an uns arbeiten und beharrlich danach trachten uns zu Vervollkommnen. Auf der anderen Seite müssen wir aber auch Losslassen und Ankommen, also das ungetrübte Sein im Hier und Jetzt erfahren. Bei den meisten steht entweder das Eine oder das Andere zu sehr im Vordergrund. Wenn Abhyasa zu stark ist, wird man engstirnig, unlocker und vielleicht sogar dogmatisch. Wenn Vairagya zu sehr betont wird, wird man lasch, träge und kraftlos. Und so brauchen wir beides um uns weiter zu entwickeln.

Mit anderen Worten müssen wir “Sein und Werden”. Wir müssen mit unserem vollen Bewusstsein im Hier und Jetzt ankommen und alles loslassen was und davon abhält, dieses bedingungslose achtsame verweilen im Augenblick zu erfahren. Und wir müssen daran arbeiten uns zu ent-wickeln, uns von den falschen Denk- und Vehaltensmustern zu lösen. Wir benötigen dazu eben auch eine solide spirituelle Praxis die uns hilft uns für das Erfahren des Augenblicks zu öffnen.

Die Formulierung “den Geist Beherrschen” oder “Die Gedanken zur Ruhe bringen” ist im übrigen eher irreführend. Denn Der Geist und die Gedanken lassen sich am ehesten mit einer Horde wilder Affen vergleichen. Sie tuen was sie wollen und lassen sich sicherlich nicht bezämen. Und so hilft vielleicht der Gedanke, dass es darum geht die Phänomäne des Geistes “transparent” zu machen. Also die Horde wilder Affen zu akzeptieren, sie liebevoll anzunehmen und sich davon nicht ablenken zu lassen. Dann bekommen die Gedanken immer weniger Macht über uns, und wir können unsere Aufmerksamkeit auf die Wirklichkeit richten.

Sein und Werden hilft uns so also als ein Konzept um uns im spirituellen Sinne zu verwirklichen.

Nachtrag: Mir ist aufgefallen, dass dieses konzept auch anatomisch erklärt werden kann. Der Sympathikus- und der VagusNerv entspricht jeweils einem dieser beiden Prinzipien. Der Sympatikus steht für Anspannung, Ausrichtung und Konzentration. Der Vagusnerv entspricht der Entspannung, Ruhe und Gelassenheit. Also genau was ich zuvor mit den begriffen erläutert habe. Auch im hathayogasysthem gibt es Ida und Pingala, oder Surya und Chandra. Diese Prinzipien erläutern letztlich das Selbe…
Das fand ich gerade wichtig nachzutragen.

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