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Yoga Sutras 1.33 innere Einstellung gegenüber Anderen

Eingang Sivananda Ashram

Eingang Sivananda Ashram



Da ich diesen Vers besonders wichtig finde, und er sich von den Umstehenden abhebt, möchte ich ihn hier gesondert behandeln. Zuvor spricht Patanjali über das Ziel des Yoga, die Arten der Geistesbewegungen, recht allgemein über den Weg zur Klarheit und über die Hindernisse und deren Symptome auf dem Weg.

Nun beginnt er konkreter zu werden.

1.33. मैत्री करुणा मुदितोपेक्षाणांसुखदुःख पुण्यापुण्यविषयाणां भावनातः चित्तप्रसादनम्
maitrī karuṇā mudito-pekṣāṇāṁ-sukha-duḥkha puṇya-apuṇya-viṣayāṇāṁ bhāvanātaḥ citta-prasādanam

maitri = Freundlichkeit, Liebe, Empathie, Liebende Güte
karuna = Mitgefühl, Wohlwollen, Hilfsbereitschaft
mudita = Mitfreude, Frohsinn, Begeisterung, Heiterkeit, positive Betätigung
upektsanam = Gleichgültigkeit, liebevolle Gelassenheit, verstehender Gleichmut
sukha = Freude, Glück
duhkha = Leid, Elend
punya = Tugend, Erfolg, Verdienst
apunya = Laster, Mißerfolg, Sünde
visayanam = Ziele
bhavanatah = durch Kultivierung von Haltungen, durch Verweilen in Gedanken
chitta = Verstand, das wandelbare Wesen des Menschen. Geist + Gefühl
Prasadanam = Klärung, Läuterung, Harmonie, Ruhe

“Der Geist wird duch die Entwicklung von Freundlichkeit, Wohlwollen, Frohsinn und Gleichmut gegenüber Freude & Leid, Erfolg und Misserfolg klar.”
oder
“Das Geist-Feld wird geklärt durch die Kultivierung von Empathie, Hilfsbereitschaft, Heiterkeit und Gelassenheit in Situationen von Freude & Leid, Erfolg und Misserfolg.”

Swami Vivekananda sagt dazu in seinem Raja Yoga Sutra- Kommentar:

“Wir müssen Freundschaft für alle empfinden, wir müssen den Unglücklichen gegenüber barmherzig sein, mit den glücklichen Menschen glücklich und gleichmütig gegenüber den schlechten. So behandeln wir alle Objekte, die sich uns darbieten.”

und Thich Nhât Hanh sagt über die “Brahmaviharas” genannten Punkte:

“Wenn du lernst, Liebe, Freude und Gleichmut zu praktizieren, wirst du wissen, wie die unheilsamen Geistzustände von Zorn, Kummer, Unsicherheit, Traurigkeit, Hass, Einsamkeit und Anhaften zu heilen sind!”

Damit ist eigentlich schon alles gesagt!
Mir erscheint dieser Vers besonders wichtig, daher möchte ich noch etwas weiter ausholen…

Diese vier Punkte sind womöglich auf Buddha zurückzuführen und haben im Buddhismus einen sehr hohen Stellenwert. Es sind die konkreten Geisteshaltungen die es braucht, um den Geist für die Meditation zu klären. Patanjali hat ja für seine Yogasutras viele Konzepte aus anderen Traditionen übernommen, so wie es seit alters her in Indien üblich ist. Verschiedene Anstätze und Konzepte bereichern sich gegenseitig, statt sich voneinander abzugrenzen. Wobei es genauso gut andersherum gelaufen sein könnte: Da es das Raja Yoga schon weit vor Patanjalis Yoga Sutras gab, waren auch die Konzepte schon verbreitet. Buddha hatte verschiedene Yogis (“Tapasvins- Asketen”) als Lehrer, von denen hat er sicherlich auch Ideen übernommen.

Diese genannten vier Punkte werden im Buddhismus die “Brahmaviharas” genannt. Was übersetzt bedeutet: “Die Wohnstätte des Göttlichen”, “Die himmlischen Verweilzustände” oder sie werden auch “die Unermesslichen” genannt. Es sind die vier zu kultivierenden Geisteshaltungen gegenüber anderen und allgemein gegenüber allen Erfahrungen. Diese Punkte werden vor allem sehr klar im “Visshuddhimagga”, einem Werk aus dem 5.Jhd. genannt, tauchen aber auch in den frühesten Buddhistischen Schriften auf. Die Vier Zustände, Tugenden oder Einstellungen gilt es immerwieder bewusst zu Machen und Umzusetzen, in der Stille und vor allem in der Begegnung mit anderen. Wenn wir anderen begegnen und in Kommunikation gehen, sollten wir uns ganz auf den Moment einlassen, und authentisch aus dem Herzen agieren. So schaffen wir ein Feld in dem Heilung geschehen kann. Man wertschätzt sich und den anderen vollkommen und verankert sich ganz mit dem Bewusstsein des Augenblicks. Liebe, Mitgefühl, Begeisterung und neutrale Akzeptanz kreieren ein Feld der Heilung. Konkret bedeutet das:

Maitri = Liebevoll und Freundlich zuhören und wohlwollend akzeptieren wie der andere ist und was er sagt. Mit Anteilnahme und Wertschätzung sollten wir uns ganz öffnen in der Begegnung. Und so ist Maitri letztlich die Basis der andren drei Punkte. Entwickeln wir Maitri vollständig, schliessen wir Karuna, Mudita und Upeksa mit ein.

Karuna = Mitfühlend und Emphatisch wahrnehmen was ist und welche Botschaft gesendet wird. Feinfühligkeit in der Kommunikation entwickeln und Nachrichten zwischen den Zeilen lesen. Hier geht es vor allem Mitgefühl gegenüber dem Leiden anderer zu kultivieren und Hilfsbereit zur Seite zu stehen.

Mudita = Uns mit dem anderen Freuen, die schönen Momente des Lebens mit dem anderen Teilen. Uns begeistern für den Enthusiasmus anderer. Es wird in der Spiritualität immer das Mitgefühl betont, dies gilt es aber nicht nur im Leiden, sondern auch im Freuen zu entwickeln.

Upeksa = Auf Einsicht basierter Gleichmut gegenüber dem was Geschieht. Also im Gespräch verständnissvoll Abstand halten und vergebungsvoll über etwas hinwegsehen. Also nicht gleichgültig werden, sondern neutral beobachten und wohlwollend akzeptieren was ist.

So helfen wir jedem der uns Begegnet, bei sich Anzukommen und sich selbst zu Akzeptieren. Jedoch geht es dabei weniger um die Wirkungen auf andere, als vielmehr um eine Läuterung des Geistes. Wir entwickeln ein ruhiges und friedfertiges Gemüt und können in der Meditation in die Tiefe gehen.

Auch sind diese vier Punkte ein wunderbares Gegenmittel zu ungünstigen Geisteszuständen, oder den “Geistesgiften” und “Feinden des Yogi”.

Maitri = gegen Böswilligkeit und Hass sowie Widerstand gegenüber dem was ist
Karuna = gegen schmerzhafte Zustände, Frustration und emotionale Kälte
Mudita = gegen Leiden, Neid, Eifersucht und Mangel an Lebensfreude
Upeksa = gegen Angst, Ablehnung, Verhaftung an Sinnesfreuden und falsche Identifikationen

In verschiedenen buddhistischen Strömungen spielen diese Brahmaviharas eine wichtige Rolle. So sind sie zB. auch ein wichtiger Teil des grossen Kalachakra-Rituals, welches zu den großen Initiationen des Dalai Lamas gehört. Dabei geht diese Tradition zurück auf den ersten Panchen Lama. Er fasste die vier Punkte in seinem Text „Ausführliches Yoga in sechs Sitzungen“ in Affirmationen, die helfen sollen, sie zu verwirklichen:

Für unermessliche Liebe: „Mögen alle Wesen ein Glück erlangen, dass besonders erhaben ist.“
Für unermessliches Mitgefühl: „Mögen sie befreit sein vom Ozean ihrer unerträglichen Leiden.“
Für unermessliche Freude: „Mögen sie niemals getrennt sein vom Glück der reinen Befreiung.“
Für den unermesslichen Gleichmut: „Mögen sie getrennt sein von Nähe und Distanz, Anhaftung und Ablehnung.“
(also unabhängig sein von den Gegensatzpaaren)

Im “Arya Akshayamati-nirdesha Sutra” einem Mahayana-Text heißt es zum Ergebniss der Punkte:

„Wenn man Maitri entwickelt, wird man in Umständen wiedergeboren, in denen man kein Unheil erfährt. Wenn man Karuna entwickelt, wird man mit stabilen Wurzeln wiedergeboren. Wenn man Mudita entwickelt, wird man in Umständen wiedergeboren in denen man im körperlichen Glück verweilt, einen festen Glauben, in das, was wahr ist hat, und eine überragende geistige Freude empfindet. Wenn man Upeksa entwickelt, wird man wiedergeboren, ohne dass man von Glück oder Unglück beunruhigt wird.“

Eine der wichtigsten Praktiken im Buddhismus ist die “Meditation der liebenden Güte”, oder Metta-Bhavana. “Metta” ist das Pali Wort für den Sanskrit-Begriff “Maitri”, und die Praxis leitet sich unmittelbar aus den Brahmaviharas ab. Bei dieser Praxis geht es darum, Liebe und Mitgefühl gegenüber allen zu entwickeln.

Es bieten die vier Punkte auch dem Raja-Yogi eine klare ethisch-moralische Orientierung auf dem Weg. Der Geist wird klar und unabhängig gegenüber “Sukhadukha”- Glück und Unglück und “Punyaapunya”- Erfolg und Mißerfolg. Wir werden der neutrale Beobachter im inneren, und lösen uns von den Eindrücken im Geiste. “Die Vrittis im Chitta kommen zu Nirodha und Yoga wird erfahren”, um bei der Terminologie Patanjalis zu bleiben.

Nachtrag:

Von Maheshwara habe ich nun eine weitere Interpretation dieser Verse gehört, die einen weiteren Aspekt einführt und womöglich zu einem tieferen Verständnis führt. Er setzt sie 2×4 Begriffe in direkte Beziehung zueinander, also:

maitrī karuṇā mudito-pekṣāṇāṁ-sukha-duḥkha puṇya-apuṇya aus dem Vers wird zu:

maitrī sukha: Freundlich sein gegenüber denen die glücklich sind, statt zB neidisch.

karuṇā duḥkha: Mitfühlend sein gegenüber denen die Leiden, statt zB besserwisserisch.

mudito puṇya: Mitfreude entwickeln gegenüber denen die Tugendhaft sind, statt zB abwertend sein.

pekṣāṇāṁ apuṇya: Gleichmütig sein gegenüber den Lasterhaften, statt überheblich.

Auf diese Weise haben wir mit den vier Brahmaviharas je einen Schlüssel der zu den Punkten der genannten Gegensatzpaare passt.

Soweit mein Kommentar zum 33. Vers der Yoga Sutras des Patanjali.

 

Shankaras Höhle

Höhle Adi Shankaracharya

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