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Der Mensch ist gezwungen zu Handeln, verschiedene Kräfte treiben ihn dazu an. Im Vedanta sagen wir, dass es die drei Gunas sind die uns dazu Zwingen Tätig zu sein. Die Gunas (übersetzt Seile oder Stränge- die uns festbinden) sind die Wirkkräfte oder Eigenschaften der Natur, die unser Sein in der Welt bestimmen. Um das Selbst zu erkennen gilt es sich von allem zu lösen was man als Objekt wahrnehmen kann, und so gilt es zunächst die Auswirkungen zu beobachten und später die Kräfte selbst in den Fokus der Wahrnehmung zu bringen. Die Gunas werde ich in einem anderen Artikel genauer beschreiben.
Als eines der Ausdrucksformen der Gunas, gibt es die 4 legitimen Bedürfnisse, Wünsche, Motivationen oder Ziele des Menschen, welche die Purusharthas genannt werden. Puruṣārtha (पुरुषार्थ) bedeutet etwa “was von Menschen gesucht wird” und stammt aus den alten Schriften Indiens. Als Quelle wird der Ramayana- sowie der Mahabharata-Epos genannt. Man sagt an den Puruṣārthas erkennt man, auf welcher Evolutionsstufe man steht.
Ich möchte die vier Puruṣārthas zunächst mal Nennen:
Kama: Sinnesbefriedigung, weltliche Freuden
Artha: Wohlstand, Sicherheit
Dharma: Rechtschaffenheit, Verantwortung für die Bestimmung
Moksha: Selbstverwirklichung, Befreiung vom Kreislauf der Wiedergeburten
Alle diese 4 Ziele gehören zum Leben dazu, und sollten auf harmonische Weise angestrebt werden. Aus Vedanta-Sicht geht es darum zu erkennen, auf welches der 4 Puruṣārthas man sein Leben ausrichten möchte. Bzw. wie man diese 4 Punkte auf heilsame Weise in seinem Leben verwirklichen möchte, und wohin man ggf. seinen Schwerpunkt verschieben mag. In manchen alten Texten werden auch schonmal nur die ersten 3 genannt, die “Trivarga” die sich mit weltlichen Angelegenheiten befassen. Moksha, als das höchste Ziel im Leben wird auch so genannt: parama-puruṣārtha. Und es gilt sich auf dem spirituellen Weg klar und direkt auf das höchste Ziel auszurichten, statt danach zu streben Ersatzbefriedigungen für die Befreiung zu erreichen.
Letztlich wollen wir alle diese Punkte ausleben, um das Gefühl der Freiheit zu erleben, Freiheit von dem Gefühl der Begrenzung. Die Motivation für alle diese Puruṣārthas ist der Wunsch Frei zu sein. Das Gefühl der Freiheit stellt sich immer für einen Kurzen Moment ein, wenn wir einen Wunsch erfüllt haben. “Ananda” oder Glückseeligkeit erfahren wir nur in der Wunschlosigkeit. Wünsche entstehen leider immer wieder, solange wir nicht wirklich erkannt haben, dass in den Objekten der Welt kein dauerhaftes Glück liegt.
Nun also nochmal die einzelnen Puruṣārthas etwas detaillierter:
Kama:
Das Wort “Kama”- “weltlicher Genuss” ist nicht zu verwechseln mit “Karma”- “Handlung, Tat”. Der Mensch möchte selbstverständlich Spass haben, sich Vergnügen, dies ist letztlich auch einer der Gründe für unsere Existenz, und eine Triebkraft der Evolution. Um sich zu vergnügen gibt es weißgott vielfältige Möglichkeiten auf diesem wunderschönen Planeten. Ein uralter Text der sich damit befasst ist das “kama-Sutra”, der Leitfaden für Sinnesbefriedigung. Der Mensch ist von seiner Natur her vollständig und eins mit Allem, jedoch erfährt er sich als getrenntes und unvollständiges Wesen. Er will über die Befriedigung der Sinne zu einem Gefühl der Fülle und des Heilseins kommen. Aus dem Mangelbewusstsein heraus erfüllt er seine Bedürfnisse um sich frei zu fühlen und einen Moment lang wunschlos zu sein. Sinnesfreuden sind wunderbar und das Anstreben der Erfüllung dieser Wünsche ist in Ordnung. Es gibt unterschiedliche Schwerpunkte die man sich für sein Leben setzen kann, manchen ist es eben am wichtigsten, sich Auszuleben und zu Geniessen.
Artha:
“nichts ist so beständig wie die Veränderung” hat schon Einstein erkannt, und wie jeder weiß ändert sich das Leben manchmal schlagartig. Letztlich kann man sich in diesem wechselhaften Universum auf nichts wirklich verlassen. Daher liegt es auf der Hand, dass Menschen nach Sicherheit streben. Wir wollen uns sicher und geborgen fühlen und keine Angst vor der unsicheren Zukunft haben. Wir wollen Hunger, Durst, Kälte und andere unannehmlichkeiten des Lebens vermeiden, und uns sicher sein das wir uns auch in Zukunft geborgen fühlen können. Das bedeutet heutzutage vor allem das Verfügen über Geld und das Absichern des Besitzes. Auch ein höchst spiritueller Mensch braucht Sicherheit im Leben, ein Bettelmönch braucht Beispielsweise einen Schlafplatz.
Dharma:
Das Wort Dharma ist sehr vielfältig. Es kann nicht klar in wenigen Worten zusammengefasst werden. Hier zunächst einige übersetzungs Möglichkeiten: Ordnung, Gesetz, Gebot Gottes, die Pflicht des Menschen, Verhaltensregeln oder Regeln der Selbstdisziplin, Verpflichtung, Moralkodex, Rechtschaffenheit, Gerechtigkeit, Moralgefühl, Ethik, Tugendhaftigkeit, Verantwortung, und so weiter. Vielleicht macht es dieses Zitat von Ludo Rocher aus “Einführung in die Indologie” klarer: „Dharma bedeutet in unserem Zusammenhang ,Verhalten, Verhaltensweisen, Weisen, in denen man sich verhalten sollte’. jedes Bestandstück der Welt trägt, indem es seinem eigenen, individuellen Dharma folgt, zur Aufrechterhaltung des kosmischen Dharma, sozusagen zum kosmischen Gleichgewicht bei.“ Oder auch wunderbar gesagt von Deepak Chopra: “Der Weg des Handelns (KarmaYoga) läßt sich in einem Satz zusammenfassen: Karma weicht Dharma. Mit anderen Worten, das Anhaften am eigenen Handeln verwandelt sich in Nicht-Anhaften, indem man Gottes Werke tut.”- also mit anderen Worten: wenn man sich auf sein Dharma ausrichtet, wird man sich eine positive Zukunft erschaffen. Sich vorwiegend der Erfüllung seines Dharma zu verschreiben ist sehr ehrenwert und positiv.
Moksha:
Dieses ist der zentrale Begriff in der indischen Spiritualität. Er bedeutet Befreiung, Erlösung, Verwirklichung oder auch Erleuchtung. Es ist das höchste Ziel im Leben, den Kreislauf des Lebens zu verlassen. Also dem Rad der Wiedergeburten (=Samsara) durch Moksha zu entkommen. Es übersteigt das Konzept von einem Himmel, wie es im Christentum angestrebt wird. Es geht um das Erreichen der Wirklichkeit jenseits von allen Objekten und Erfahrungen, um das unmittelbare nonduale Sein, jenseits von allen Konzepten und Vorstellungen. Moksha zu verstehen ist nicht einfach, es übersteigt unsere gewohnten Ideen von Bewusstsein und Wahrnehmung. Moksha ist das frei sein von dem Irrglauben ein getrenntes, idividuelles Wesen zu sein. Moksha ist das eintauchen in die nonduale Wirklichkeit, wo Subjekt Objekt und Wahrnehmung miteinander zu einer Einheit verschmelzen.
Und so sind dieses die vier Arten von Lebenszielen die der Mensch haben kann. Das Modell kann hilfreich sein um zu sehen wo man steht, und wo man hin will. Möchte man spirituelle Entwicklung, sollte man die Prioritäten klar in Richtung Dharma und Moksha verschieben. Möchte man Sinnesbefriedigung und Sicherheit im Leben, ist dies völlig ok und legitim. Wenn man es mit dem spirituellen Weg ernst meint, sollte man sich ganz klar auf Moksha ausrichten. Wenn man etwas wirklich will, kann man es auch erreichen. Dafür muss man sich aber ganz ausrichten auf sein Ziel.



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