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Vor einiger Zeit habe ich einen Artikel verfasst in dem ich einzelne Bibelstellen aus meiner bescheidenen Sicht des Yoga und Vedanta interpretiere. Ich denke das viele Gläubige die Worte der Bibel oftmals zu oberflächlich, zu wörtlich nehmen, ohne den tiefen spirituellen Gehalt die zwischen den Zeilen und hinter den Worten sehen zu können. Ich bin mit einem christlichen Hintergrund aufgewachsen und war in meiner Jugend Messdiener in der katholischen Kirche. Nach einer langen Abkehr vom Christentum und einer Hinwendung zu östlichen spirituellen Traditionen begann ich Jesus mit neuen Augen zu sehen, und die vielen Parallelen zur Philosophie des Yoga zu entdecken. Ich hoffe das dir meine Interpretationen der einzelnen Bibelstellen helfen, die Botschaft Jesu noch umfassender sehen zu können. Und ich hoffe im Sinne Jesu und zum wohle aller, den wahren Gehalt dieser Weisheiten im rechten Lichte interpretiert zu haben.
Falls du den 1.Teil noch nicht gelesen hast, empfehle ich dir damit anzufangen. Hier der Link zu Jesus Christus und die Lehren des Yoga und Vedanta
“Das Reich Gottes kommt nicht so, dass man es beobachten könnte; auch wird man nicht sagen: Siehe hier! Oder: Siehe dort! Denn siehe, das Reich Gottes ist mitten unter euch.”
Lukas 17,20-21
Die Erfahrung Gottes ist nicht zu vergleichen mit einer irdischen Erfahrung. Es ist nichts was mit den 5 Sinnen erfasst werden kann und nichts was man beschreiben kann. Es übersteigt den Verstand und die Welt der Objekte und Vorstellungen. Sie ist überall und nirgends zu finden, nicht an einem bestimmten Ort oder in einer definierten Erfahrung. Da Gott zugleich Urgrund der Welt ist als auch das was manifest ist, findet man Gott immer und überall. Oder um es mit Kants Worten zu sagen: “Gott ist zugleich Transzendent und Immanent!” getreu dem alten Lateinischen Spruch über Gott: “Oculus non vidit, nec auris audivit” zu deutsch “Was das Auge nicht gesehen, noch das Ohr gehört hat”. Jesus sagt also hier: “Das Reich Gottes kommt nicht so, dass man es beobachten könnte” Und so sagen wir im Vedanta: “Das Selbst (nicht das individuum sondern das dem zugrundeliegende Wesentliche) kann nicht gesehen werden, so wie das Auge nicht gesehen werden kann.” weil es das Bewusstsein ist in dem all das stattfindet. Oft ist eine Kritik der Christen am Yoga und der indischen Philosophie, dass das Selbst identisch ist mit Gott. Da ist wohl eine Begriffsklärung von nöten, denn das Sansktitwort “Atman” ist zwar am ehesten mit “Selbst” zu übersetzen, es handelt sich hierbei jedoch nicht um Körper, Geist und Seele sondern um das dem zugrunde liegende. “Denn siehe, das Reich Gottes ist mitten unter euch.” heißt es in der Elberfelder Bibel, in anderer Fassung “Sehet das reich Gottes ist in euch!” Es sitzt also kein Gott zornig und strafend auf einer Wolke, sondern im herzen eines jeden von uns wohnt dieses Göttliche! Das letzte Zitat der Bibel veranlasste Tolstoi zu einem gleichnamigen Buch, welches Gandhi auf die Idee seiner Gewaltfreien Revolution brachte, ein schönes Beispiel für die Macht der Worte Jesu! Die Gotteserfahrung liegt nicht in weiter Ferne, weder zeitlich noch räumlich, sondern Hier und Jetzt. Wir sind schon in Gott, Gott ist bereits in uns! …es kann auch anders gar nicht sein.
“Niemand hat Gott jemals gesehen; der eingeborene Sohn, der in des Vaters Schoß ist, der hat ihn kundgemacht.”
Johannes 1, 18
Niemand? Also auch Jesus selbst hat “Ihn” nicht gesehen, weil Gott nicht erfahren werden kann wie eine irdische Erfahrung. Die Erfahrung gottes ist jenseits aller Vorstellungen und Konzepte, sie kann nicht mit Worten beschrieben werden. Jesus hat diese Erfahrung gemacht und möchte sie uns gerne vermitteln. Er benutzt seine eigenen Worte um das unbeschreibliche zu benennen. Seine Worte waren in der aramäischen Sprache und geprägt von seiner damaligen Kultur, und im laufe der 2000 Jahre hat sich oftmals die Deutung verändert. So wird jemand mit der selben Erfahrung an einem anderen Ort zu einer anderen Zeit ganz andere Worte nutzen. Ein arabischer Wüstenvater, ein australischer Aboriginee, ein Nordamerikanischer Urainwohner und ein europäischer Grossstadtmensch kann die selbe Erfahrung machen, und wird sie verschieden benennen. Jesus hat seine Worte benutzt, sie deuten auf etwas hin, sind aber nicht die Wahrheit. Im Yoga sagt man “verwechsle nicht den Stock der auf den Mond zeigt mit dem Mond selbst!”. Übrigens ist das Wort für “Gott” in der Sprache von Jesus Christus: “Allah”!
“Wenn ihr in meinem Wort bleibt, so seid ihr wahrhaftig meine Jünger, und ihr werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen!”
Johannes 8,31-32
Diese Aussage von Jesus könnte exakt so in einem vedantischen Lehrbuch stehen. Worte welche die Wirklichkeit hinter dem Scheinbaren beschreiben, haben die Kraft die Täuschung aufzuheben. Im Vedanta sowie im Christentum geht es um das Vertrauen gegenüber den Worten, um ein sich öffnen für die Wahrheit die den Worten zugrunde liegt. Zwar geht es im Yoga letztlich um Erkennen, dies erfordert aber zunächst ein Vertrauen. “Im Wort bleiben”bedeutet nichts anderes, dadurch werden wir dann die Wahrheit erkennen, nicht intellektuell sondern tatsächlich. So sagte auch Goethe: “Man muss das Wahre immer wiederholen, weil auch der Irrtum um uns herum immer wieder gepredigt wird, und zwar nicht von einzelnen, sondern von der Masse.” …und irgendwann wird Glauben zu Wissen und Wissen zu Erkennen! Es heisst dann auch in Johannes 17.17: “Heilige sie durch die Wahrheit! Dein Wort ist Wahrheit.” Dazu passt sicher ein Zitat von Adi Shankaracharya, dem größten Vedantalehrer: “Die Befolgung äußerlicher Vorschriften ist gut, um deine Gedanken rein zu erhalten, aber zur Wahrheit und Wirklichkeit führt sie dich nicht.” Denn das ist letztlich ein Akt der Gnade und kann nicht durch Frömmigkeit oder Anstrengung erreicht werden. Auch wenn manche Christen und Yogis das gerne hoffen!
”Da redete Jesus abermals zu ihnen und sprach: Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, der wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben.”
Johannes 8,12
Licht ist eine Metapher für Erkennen, denn da wo Licht hinfällt können wir klar sehen und wo es dunkel ist sehen wir nichts. Wie zuvor angedeutet, spricht Jesus nicht von sich als Person, sondern als Kanal für Gott. “Ich bin das Licht der Welt” bedeutet dann wohl eher: “durch mich strahlt das Licht der Welt”. Also er ist durchleuchtet oder erleuchtet vom Licht der Erkennntis, für ihn ist nurnoch das Licht aktiv, welches durch ihn hindurch in die Welt hinaus strahlt. In der Indischen Geisteswelt ist klar, solch ein erhabener Zustand ist für jeden erreichbar! Wenn wir seinem Beispiel folgen und das Licht in uns wirken lassen, werden wir das Licht des Lebens haben. Licht ist ein Bild welches in sehr vielen Traditionen genutzt wird, so zB sagt Khalil Gibran “Das wahre Licht ist das Licht, das aus dem Innern der menschlichen Seele hervorbricht, das den Anderen das Geheimnis seiner Seele offenbart und Andere glücklich macht” oder Ramana Maharshi, grösster vedantalehrer der Neuzeit: “Maya oder die Gewalt des Scheins bewirkt, daß uns das nicht vorhanden und unwirklich erscheint, was allgegenwärtig und alldurchdringend ist: ganz vollkommen und Licht in sich selbst und in Wahrheit das Selbst, Kern unseres Wesens.” und Laotse “Nutzt man sein inneres Licht, um zur Erleuchtung zurückzufinden, so vergeht man nicht bei des Leibes Zerstörung.” und so frage ich mich schon wieder: wie kann man glauben, es gibt nur einen Weg? Wo doch zB Meister Eckhard, einer der grössten Christlichen Mystiker, auch sagt: “Was Gott an sich selbst ist, dazu kann niemand kommen, der nicht in ein Licht entrückt wird, das Gott selbst ist.” Das Thema Licht, Leuchten, Erleuchten ist wohl sehr bedeutend, nicht nur im Christentum, sondern in einer universellen Spiritualität. In jedem von uns wohnt diese lichtvolle Kraft, der heilige Geist den wir wirken lassen können. Das ist worum es geht, in jedem Moment.
“Nicht, was ausserhalb des Mensch ist und in ihn hineinkommt, kann ihn verunreinigen; sondern was aus ihm herauskommt, das ist es, was den Menschen verunreinigt.”
Markus 7,15
Man ist oft vielzusehr darauf bedacht sich vor störenden Einflüssen zu schützen und sie von sich zu halten, viel wichtiger ist es doch sicher was wir nach aussen geben! Eine der wichtigsten Grundgedanken des Yoga ist, sich zu reinigen. Unsere wahre Natur ist bereits das Göttliche und muss nur entfaltet oder aufgedeckt werden. Unsere Identifikationen mit Objekten der Welt sind die Unreinheiten die das Licht unserer Seele nicht strahlen lassen. Und so müssen wir vor allem darauf achten, was aus uns heraus kommt.
“Es ist wahr: Wer zu Christus gehört, der hat sein selbstsüchtiges Wesen mit allen Leidenschaften und Begierden ans Kreuz geschlagen.”
Galater 5.24
Und hier ist schonwieder eine Aussage, die genau das wiedergibt, was im Yoga als Essenz der Lehre gesehen wird. So steht zB in der Bhagavad Gita: 3.39 “Verdeckt wird die Erkenntnis durch ihn, des Weisen ewigen Feind, dessen Wesen Wunsch ist, von schwer zu befriedigendem Feuer, Arjuna.” und 2.55 “Wenn einer alle ihm in den Sinn gekommenen Wünsche fortlässt und allein schon in sich selbst durch sich selbst zufrieden ist, dann heißt es, er ist von gefestigter Weisheit.” Denn nur wenn wir lernen unsere “Leidenschaften und Begierden” ans Kreuz zu schlagen, also geopfert oder getötet haben, können wir zum wahren Selbst kommen, bzw. zu Christus gehören. Das von Jesus so genannte “Selbstsüchtige Wesen” ist der niedere Teil des Individuums, den es zu transzendieren gilt, um sich für die allem zugrunde liegende Wahrheit zu öffnen.
Allerdings möchte ich gerne an dieser Stelle empfehlen das Bibelstudium mit großer Vorsicht zu betreiben. Schliesslich galten Bibelzitate schon immer als legitime Rechtfertigung für großes Unrecht. Im Namen Jesus Christus wurden soviele Menschen getötet, gequält und unterdrückt wie sonnst unter keinem anderen Namen, dass muss man leider so sagen! Hier eine kleine Auflistung von Zitaten aus dem neuen Testament die mehr als zweifelhaft sind. Ich kann mir kaum vorstellen, dass Jesus selbst solche Aussagen getätigt hat. Jeder Mensch mit gesundem Menschenverstand sieht sicher die Notwendigkeit einer kritischen Betrachtung der Bibel, so wie alle spirituellen Lehren mit Skepsis begenet werden sollte.
“Meint nicht, dass ich gekommen sei, Frieden auf die Erde zu bringen; ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert. Denn ich bin gekommen, den Menschen zu entzweien.”
Matthäus 10.34,35
Ach? ist er nicht Licht und Liebe? Will er nicht Frieden für alle? Da heißt es zwar, man solle die Verse immer im Zusammenhang betrachten, aber auch da erkenne ich nicht wieso es zu einer solchen Aussage kommt. Nun denn. Hier zu Frauenbild:
“Wenn sie aber etwas lernen wollen, so sollen sie daheim ihre eigenen Männer fragen; denn es ist schändlich für eine Frau, in der Gemeinde zu reden.”
1.Korinther 14.35
OK, ich denke das bedarf keiner weiteren Worte.
“Ich sage euch: Jedem, der da hat, wird gegeben werden; von dem aber, der nicht hat, von dem wird selbst, was er hat, weggenommen werden.”
Lukas 19.26
Das klingt für mich wie eine klare befürwortung des kapitalistischen Ausbeutersystems. Nicht schön, aber entspricht der Wahrheit. Dieses wird auch der “Matthäus-Effekt” genannt, im Volksmund: „Es regnet immer dorthin, wo es schon nass ist“ oder auch „Der Teufel scheißt immer auf den größten Haufen“.
“Jede Seele unterwerfe sich den übergeordneten staatlichen Mächten! Denn es ist keine staatliche Macht außer von Gott, und die bestehenden sind von Gott verordnet. Wer sich daher der staatlichen Macht widersetzt, widersteht der Anordnung Gottes”
Römer, 13.1-2
Uiui…
Aber glücklicher Weise gab es schon immer Weise die die Lehren Jesu verstanden haben. Die interessanten Geschichten über christliche Heilige zeugen davon. Für mich hat es eine gewisse Ambivalenz, einerseits von Licht und Liebe zu sprechen, aber auf der anderen Seite sich klar über andere zu stellen indem man meint nur über Jesus komme man zum Heil. Abschliessend noch ein Zitat von einem durchaus umstrittenen Kirchenvertreter, welches so auch in der Bhagavad Gita stehen könnte.
“Reserviere eine bestimmte Zeit für dich selbst und halte dich ruhigen Gemüts in Erfolg und Mißerfolg, frei von Unruhe und Verwirrung, sowohl bei frohen als bei traurigen Anlässen.”
Ignatius von Loyola, Gründer des Jesuiten Ordens


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