«

»

Dattatreya und seine 24 Gurus

Eine Uralte Frage ist die, ob man einen Guru benötigt um zur Erlösung zu kommen. Die Frage lässt sich wohl nicht ganz klären. Manche brauchen einen, manche benötigen viele und manch einer folgt seiner Stimme im inneren um zum Ziel zu kommen. Inspirierend finde ich die Geschichte von Datatreya, der ganz viele lehrmeister hatte. Dattatreya gilt als eine Inkarnation von Brahma, Vishnu und Shiva als einzelne Person. Offenbar war er aber nicht Shizo…

Hier ein Text aus dem Buch Götter und Göttinen von Swami Sivananda

Als Dattatreya einmal glücklich im Wald umherstreifte, traf Er den König Yadu, und als dieser Dattatreya so glücklich sah, fragte er Ihn nach dem Geheimnis Seines Glücks und auch nach dem Namen Seines Gurus. Dattatreya sagte, dass einzig der Atman (die dem Menschen innewohnende Göttlichkeit; das wahre Selbst) sein Guru sei, aber dass Er dennoch Weisheit von vierundzwanzig Einzelwesen erlernt habe und dass sie deswegen Seine Gurus wären. Dattatreya nannte dann die Namen seiner vierundzwanzig Gurus und berichtete von der Weisheit, die Er von jedem Einzelnen erlernt hatte. Er sagte: „Die Namen meiner vierundzwanzig Lehrer lauten:

1. Erde
2. Wasser
3. Luft
4. Feuer
5. Himmel
6. Mond
7. Sonne
8. Taube
9. Pythonschlange
10. Ozean
11. Motte
12. Biene
13. Honig-Sammler
14. Elefant
15. Hirsch
16. Fisch
17. Pingala, das Tanzmädchen
18. Rabe
19. Kind
20. junges Mädchen
21. Schlange
22. Bogenmacher
23. Spinne
24. Käfer

1. Von der ERDE habe ich Geduld gelernt und anderen Gutes zu tun, denn sie duldet jede Verletzung, die ihr der Mensch auf ihrer Oberfläche zufügt, und dennoch tut sie ihm Gutes, wenn sie Gemüse, Bäume usw. wachsen lässt.

2. Vom WASSER habe ich die Eigenschaft der Reinheit gelernt. Ebenso, wie das reine Wasser andere reinigt, ebenso läutert der Weise, der frei von Eigennutz, Sinnenlust, Egoismus, Wut, Gier, usw. ist all diejenigen, die mit ihm in Berührung kommen.

3. Die LUFT bewegt sich immer durch die unterschiedlichsten Gegenstände hindurch, aber sie haftet niemals an einem von ihnen an. Daher habe ich von der Luft gelernt, ohne Anhaftung zu sein, obwohl ich mich mit vielen Menschen durch diese Welt bewege.

4. Ebenso wie FEUER hell brennt, so sollte auch der Weise mit dem Glanz seines Wissens und mit Tapas (spirituelle Praxis; Disziplin; Askese) glühen.

5. Die Luft, die Sterne, die Wolken usw. sind alle im HIMMEL enthalten. Aber der Himmel kommt mit keinem von ihnen in Berührung. Vom Himmel habe ich gelernt, dass der Atman oder die Seele alles durchdringt und dennoch keine Berührung mit irgendetwas hat.

6. Der MOND selbst ist immer voll, aber je nach dem wechselnden Schatten, den die Erde auf den Mond wirft, scheint er zu- oder abzunehmen. Dadurch habe ich gelernt, dass der Atman immer vollkommen und unveränderlich ist und dass nur die Upadhis (begrenzende Attribute) Schatten auf ihn werfen.

7. Ebenso wie die SONNE in so vielen unterschiedlichen Spiegelungen erscheint, wenn sie sich in verschiedenen Wassertöpfen widerspiegelt, genauso erscheint Brahman verschiedenartig durch die Upadhis, die aufgrund der Widerspiegelung durch den Verstand verursacht werden.

8. Einmal habe ich ein TAUBENpaar mit ihren Jungvögeln gesehen. Ein Vogelfänger breitete ein Netz aus und fing die jungen Vögel. Die Taubenmutter hing sehr an ihren Kindern. Es war ihr egal, ob sie lebte oder nicht und so flog sie in das Netz und war gefangen. Das Taubenmännchen hing an dem Taubenweibchen, flog auch ins Netz und war gefangen. Daraus habe ich gelernt, dass Anhaftung der Grund für Bindung ist.

9. Die PYTHONSCHLANGE wandert nicht umher, um Nahrung zu finden. Sie bleibt zufrieden mit allem, was sie bekommt an einer Stelle liegen. Ich habe daraus gelernt, nicht an meine Nahrung zu denken und mit allem, was ich zu essen bekomme, zufrieden zu sein (Ajagara Vritti).

10. So wie der OZEAN unbewegt bleibt, obwohl hunderte von Flüssen in ihn hinein münden, sollte auch der weise Mann bei allen möglichen Versuchungen, Schwierigkeiten und Ärgernissen unbewegt bleiben. Diese Lektion habe ich vom Ozean gelernt.

11. Genauso wie die MOTTE fasziniert von dessen hellem Glanz ins Feuer fliegt und verbrennt, ebenso scheitert ein leidenschaftlicher Mann, der sich in ein schönes Mädchen verliebt. Seinen Sehsinn unter Kontrolle zu halten und den Verstand auf das Selbst auszurichten, das ist die Lektion, die ich von der Motte gelernt habe.

12. So wie die SCHWARZE BIENE Honig von verschiedenen Blüten sammelt, ebenso nehme ich nur wenig Nahrung von einem Haus und ein wenig von einem anderen Haus und stille so meinen Hunger (Madhukari Bhiksha oder Madhukari Vritti). Ich bin für den Haushaltsvorstand keine Belastung.

13. Bienen sammeln Honig mit großer Mühe, aber dann kommt ein JÄGER und nimmt einfach den Honig weg. Obwohl Leute mit großer Mühe Besitz und andere Dinge anhäufen, müssen sie doch plötzlich alles aufgeben und aus der Welt scheiden, wenn der Herr des Todes nach ihnen greift. Daraus habe ich die Lehre gezogen, dass es unnütz ist, Dinge anzuhäufen.

14. Der männliche ELEFANT fällt, von Gier ganz blind, in eine mit Gras überdeckte Grube, selbst beim Anblick eines weiblichen Pappelefanten. Er wird gefangen, ange kettet und mit dem Stachelstock gequält. Genauso geraten leidenschaftliche Männer in die Fänge von Frauen und erleiden viel Kummer. Daher sollte man seine Sinnenlust überwinden. Diese Lektion habe ich vom Elefanten gelernt.

15. Der HIRSCH wird wegen seiner Liebe zur Musik angelockt und vom Jäger gefangen. Ebenso wird ein Mann durch Musik von Frauen mit schlechtem Charakter angezogen und ins Verderben gestürzt. Niemals sollte man sich anzügliche Lieder anhören. Diese Lehre habe ich vom Hirsch gelernt.

16. Genau wie der nach Futter gierige FISCH ein leichtes Opfer für den Köder ist, genauso verliert der nach Essen gierige Mensch, wenn er seinem Geschmacksinn erlaubt, zu viel Macht über ihn zu haben, seine Unabhängigkeit und wird leicht zugrunde gerichtet. Die Gier nach Speisen muss daher beendet werden. Diese Lektion habe ich vom Fisch gelernt.

17. Es gab einmal in der Stadt Videha ein TANZMÄDCHEN namens PINGALA. Sie war es eines Nachts müde, nach Kunden Ausschau zu halten. Sie war ohne Hoffnung. Dann gab sie sich damit zufrieden, was sie hatte und fiel in einen tiefen Schlaf. Von dieser gefallenen Frau habe ich gelernt, dass das Aufgeben der Wünsche zur Zufriedenheit führt.

18. Ein RABE pickte ein Stück Fleisch auf. Er wurde von anderen Vögeln verfolgt und besiegt. Er ließ das Fleischstück fallen und erlangte Ruhe und Frieden. Daraus habe ich die Lektion gelernt, dass ein Mensch in der Welt allen Arten von Mühe und Elend ausgesetzt ist, wenn er Sinnenfreuden hinterherläuft und dass er so froh wie ein Vogel wird, wenn er die Sinnenfreuden aufgibt.

19. Das KIND ist frei von jeder Sorge, Kümmernis und Ängstlichkeit und immer fröhlich, wenn es seine Milch trinkt. Ich habe vom Kind die Tugend des Frohsinns erlernt.

20. Die Eltern von einem JUNGEN MÄDCHEN waren auf der Suche nach einem für sie geeigneten Bräutigam. Das Mädchen war allein im Haus. Während der Abwesenheit ihrer Eltern kam eine Gruppe von Leuten zu ihrem Haus, um sie in ähnlicher Absicht hinsichtlich eines Heiratsangebots zu besuchen. Sie empfing die Reisegruppe. Sie ging hinein, um den Reis zu schälen. Beim Schälen machten die gläsernen Armreifen an beiden Handgelenken ein stark klingelndes Geräusch. Das weise Mädchen überlegte sich folgendes: „Die Leute werden durch das Klimpern meiner Armreifen herausfinden, dass ich den Reis selbst schäle und dass meine Familie zu arm ist, um andere einzustellen, die die Arbeit machen. Ich will alle meine Armreifen zerbrechen, außer zweien an jeder Hand.“ Entsprechend zerbrach sie alle Armreifen außer zweien an jeder Hand. Sogar diese beiden machten viel Lärm. Sie zerbrach noch einen Armreif an jeder Hand. Es gab kein Geräusch mehr, obwohl sie weiter schälte.

Ich habe Folgendes aus der Erfahrung des Mädchens gelernt: das Zusammenleben mit vielen schafft Zwietracht, Unruhe, Zank und Streit. Selbst zu zweit könnte es unnötige Worte und Unfrieden geben. Der Asket oder Sannyasin sollte allein bleiben.

21. Eine SCHLANGE baut sich ihr Loch nicht selbst. Sie wohnt in den Löchern, die andere gegraben haben. Genauso sollte ein Asket oder ein Sannyasin kein Heim für sich selbst bauen. Er sollte in Höhlen und in Tempeln leben, die von anderen gebaut worden sind. Dies ist die Lektion, die ich von der Schlange gelernt habe.

22. Einst war der Geist eines PFEILMACHERS gänzlich darin vertieft, einen Pfeil scharf und gerade zu machen. Als er damit beschäftigt war, ging ein König mit seinem ganzen Gefolge vor seinem Laden vorbei. Nach einiger Zeit kam ein Mann zu dem Handwerker und fragte ihn, ob der König an seinem Laden vorbeigekommen sei. Der Handwerker antwortete, dass er nichts bemerkt habe. Die Tatsache ist, dass der Geist des Handwerkers einzig mit seiner Arbeit beschäftigt war und er nicht wusste, was draußen vor seinem Laden geschah. Ich habe von dem Handwerker die Eigenschaft der Geisteskonzentration erlernt.

23. Die SPINNE lässt aus ihrem Mund lange Fäden herauskommen und webt daraus Spinnennetze. Sie wird in das von ihr selbst gemachte Netz verwickelt. Genauso macht der Mensch aus seinen eigenen Vorstellungen und Ideen ein Netz und verwickelt sich darin. Der weise Mann sollte daher alle weltlichen Gedanken aufgeben und nur an Brahman (das Universelle; das allem innewohnende Prinzip) denken. Das ist die Lektion, die ich von der Spinne gelernt habe.

24. Der KÄFER hält einen Wurm fest, trägt ihn in sein Nest und versetzt ihm einen Stich. Der arme Wurm, der immer Angst hat, dass der Käfer oder der Stachel wiederkommen und der ständig an den Käfer denkt, wird selbst zum Käfer.

An welche Form auch immer ein Mensch ununterbrochen denkt, er wird im Lauf der Zeit zu dieser Form. Was ein Mensch denkt, das wird er. Ich habe vom Käfer und vom Wurm gelernt, mich selbst in Atman zu verwandeln, indem ich ununterbrochen über Ihn nachdenke, dadurch jede Anhaftung an meinen Körper aufgebe und Moksha (Befreiung) erreiche.

Der König war höchst beeindruckt von Dattatreyas Lehren. Er gab das Weltliche auf und übte sich darin, regelmäßig über das Selbst zu meditieren. Dattatreya war ganz und gar frei von Intoleranz oder Vorurteil jeglicher Art. Er nahm Weisheit auf, aus welcher Quelle sie auch kam. Alle Weisheitssucher sollten dem Beispiel von Dattatreya folgen.”

Hier die Avadhut-Gita von Dattatreya.
Mit einem hervorragenden Kommentar von Martin Mittwede.

Print Friendly

Permanentlink zu diesem Beitrag: http://machshell.de/dattatreya-und-seine-24-gurus/

Facebook Kommentare: